Von Kirsten Kamm – aus meinem Buchkapitel „Abschiedskuss“ Krebsfrei&Krebsgesund
Teil 1: Darf man erleichtert sein, wenn jemand stirbt?
Es klingt grausam. Unaussprechlich. Und doch war es da: dieses leise Aufatmen, als meine Schwester endlich sterben durfte. Nachdem ich ihr beim Ringen um jeden Atemzug zugesehen hatte, in dieser letzten, furchtbaren Phase ihres Lebens, war mein erster Gedanke: „Gott sei Dank, sie hat es geschafft.“
Ich habe es sogar laut gesagt. Mehrfach. Ich habe meinen Schwager umarmt, und diese Worte kamen aus meinem Mund. Später habe ich mich dafür geschämt. Tief. Wie kann es sein, dass ich mich erleichtert fühlte, nicht voller Trauer, sondern wie befreit?
Aber es war die Wahrheit. Ich war Zeugin ihres Leidens. Ich war machtlos. Ich konnte nichts mehr tun, außer Aushalten. Und in genau diesem Moment war die Erleichterung mein Schutz. Mein einziger Ausweg.
Dieses Empfinden ist ein Tabu. Wir sprechen nicht darüber. Wir erwarten Tränen, Klage, stille Würde, aber keine Erleichterung. Und schon gar nicht, dass wir an uns selbst denken. Ich tat es dennoch. Und ich schreibe es jetzt auf. Weil ich weiß, dass ich nicht die Einzige bin.
Teil 2: Überlebensschuld – Wenn die Falsche bleibt
Ich bin die ältere Schwester. Acht Jahre älter. Ich habe sie getragen, als sie noch ein Baby war. Und am Ende trug ich ihre Urne und spürte exakt dasselbe. So paradox. Wie kann es sein, dass ich noch lebe und sie nicht?
Diese Frage hat mich jahrelang gequält. Ich war gesund. Ich war stark und hatte überlebt. Ich hatte Schuldgefühle. Gegenüber ihr, ihren Kindern, meinen Eltern, meinen eigenen Kindern. Ich konnte niemandem den Schmerz nehmen. Ich konnte nichts rückgängig machen. Ich konnte nur weiterleben. Und das fühlte sich falsch an.
Auch dieses Gefühl wird selten geteilt. Überlebensschuld ist kein Wort, das oft ausgesprochen wird. Und doch ist sie real. Tief. Ich trug Schwarz. Nicht, weil ich es wollte. Sondern weil es für mich nicht anders ging. Farbe hätte sich wie Verrat angefühlt.
Teil 3: Die Angst, zu fühlen und der Mut, zu handeln
Ich stand an ihrem Bett. Ich sah, wie das Leben aus ihr wich. Und ich hatte das Gefühl, ich müsse sie loslassen. Nicht nur innerlich, sondern auch körperlich. Ich nahm meine Hände von ihr. Obwohl alles in mir sagte: Halt sie fest.
Aber mein System sagte etwas anderes. „Nicht festhalten. Lass sie gehen.“ Ich fühlte mich schlecht. Falsch. Egoistisch. Ich hatte gedacht, dass man Sterbende berührt. Dass man bleibt. Dass man Halt gibt. Aber ich konnte es nicht. Mein Körper zog sich zurück.
Auch das ist ein Tabu: Dass wir in der tiefsten Nähe manchmal Distanz brauchen. Dass Loslassen körperlich spürbar wird. Dass Nähe nicht immer Berührung bedeutet. Und dass das in Ordnung sein darf.
Teil 4: Die verbotene Frage: War es lebenswert?
Meine Schwester lebte dreieinhalb Jahre mit ihrer Diagnose. Therapien, OPs, ein künstlicher Darmausgang, zum Schluss auch noch inkontinent. Sie war tapfer, stark, voller Duldsamkeit. Und doch fragte ich mich heimlich: Ist dieses Leben noch ein Leben, das sie wirklich leben will? Als 40jährige.
Ich sprach es nie aus. Ich wusste, ihr Kampf galt ihren Kindern, die sie noch lange brauchen würden.
Und ich hatte Angst. Angst, zu verletzen. Angst, ihr die Hoffnung zu nehmen. Angst, dass diese Frage gar nicht gestellt werden darf. Wer bin ich, das zu denken? Aber ich dachte es. Immer wieder. Und ich weiß heute, dass es keine herzlose Frage war. Sondern eine sehr menschliche und wahrhaftige.
Wir dürfen über Lebensqualität sprechen. Auch mit Sterbenden. Wenn sie es möchten. Wir dürfen Fragen zulassen, die keine Antwort brauchen. Und wir dürfen dabei liebevoll sein und ehrlich.
Teil 5: Wie laut darf Trauer sein?
Ich wollte schreien. Laut weinen. Schluchzen. Aber ich konnte es nicht. Denn das macht man bei uns nicht. Frau schon gar nicht. Ich hatte gelernt: Reiß dich zusammen. Halte durch. Funktioniere.
Ich habe funktioniert. Noch im Moment ihres Todes, noch auf der Rückfahrt im Auto, noch an Weihnachten. Und immer weiter. Ich war die große Schwester. Die Tochter. Die Mutter. Die Organisierende. Die Starke.
Aber tief in mir tobte der Schmerz. Ich hatte Angst, ihn zu zeigen. Angst, die Kontrolle zu verlieren. Und Angst, dass niemand mich auffängt. Also blieb alles still. Auch das ist ein Tabu: Laut zu trauern. Platz einzunehmen mit dem eigenen Schmerz. Ich wünsche mir, dass wir Das ändern.
Wenn du dich in diesen Zeilen wiederfindest, dann bist du nicht allein. Es braucht Mut, diese Gedanken zuzulassen. Und noch mehr Mut, sie auszusprechen.
Dies ist ein Anfang. Ein Versuch, all den unausgesprochenen Gefühlen Raum zu geben. Vielleicht ist es auch für dich der Moment, einem deiner eigenen Tabus zu begegnen.
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Ich bin da. Mit der tiefen Überzeugung, dass Trauer einen Raum braucht. Im Leben.





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